DIE SONNE DER RUSSISCHEN LANDE
Anfänge des Kiewer Höhlenkloster. Sinn und Zweck des heiligen Klosters.
"Orthodoxes Leseheft" - 1990-7
Teil III:
4. Gott hilft den Schwachen. Dienste des Klosters für Menschen.
5. Über den ehrwürdigen Afanasi.
6. Über den ehrwürdigen Erasm.
7. Über den ehrwürdigen Aref.
8. "Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen" (Joh. 1, 5).
4. Gott hilft den Schwachen. Dienste des Klosters für Menschen.
In dem gesegneten Leben des Kiewer Höhlenklosters war ständig der große Beistand des Herrn zu spüren, und davon zeugen auch die zahlreichen Wunder. Große Wunder ereigneten sich sozusagen in völligem Widerspruch mit den Naturgesetzen.
So war zu der Zeit, da der ehrwürdige Feodosius (gest. 1073) Klosterabt war, einmal das ganze Mehl im Kloster ausgegangen - war nur noch eine Handvoll Kleie übriggeblieben. Als der Bäcker aber den heiligen Abt davon benachrichtigte, da war dieser keineswegs bestürzt, sondern antwortete ihm nur: "Der Herr vermag aus wenigem viel zu machen; gehe hin und siehe nach, ob sich Gott nicht auch dieses mal gnädig zeigt". Das tat der Bäcker denn auch, und siehe da, die Kiste war bis oben hin voll, und das Mehl rieselte sogar noch über den Rand hinaus.
Umgekehrt wurde aber der geringste Zweifel, daß Gottes wunderbare Hilfe nicht auf sich warten läßt, auf der Stelle bestraft. So war eines Tages kein Olivenöl für den Abendgottesdienst da; die Brüder baten, man möge ihnen erlauben, aus Samen Öl auszupressen, und der heilige Feodosius erteilte ihnen dazu seinen Segen. Aber kurz vor dem Gottesdienst wollten sich die Brüder trotzdem noch einmal vergewissern, ob in dem Gefäß auch wirklich Öl drinnen sei,- und da erblickten sie eine Ratte, die auf unerklärliche Weise in das dicht verschlossene Gefäß hineingeraten und dort ersoffen war. Der heilige Feodossius aber meinte, der Herr habe die Mönche wegen ihres Kleinmutes gestraft, und nun müßten sie Buße tun und auf Gottes Hilfe harren. Und diese kam auch wirklich: direkt vor Beginn des Abendgottesdienstes langte am Klostertor ein großer Troß mit Olivenöl an, das Fürst Wsewolod Jaroslawitsch (gest. 1093) aus Tschernigow gesandt hatte. Dieses wunderbare Leben ist von unserer Wirklichkeit so weit entfernt, so daß diese Zeit unwiederbringlich entschwunden scheint. Aber "Jesus Christus ist gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" (Hebräer 13, 8), und die Taten der Ehrwürdigen wurden, wie es in der Chronik des Höhlenklosters heißt, auf gezeichnet, "auf daß sie auch den Nachkommen zum Nutzen gereichen", denn auch schon eine Rückerinnerung an jenes segensreiche Leben wirkt recht erbaulich.
Lesen wir das Heiligenbuch des Höhlenklosters, wo verschiedene Zeitepochen aus dessen Leben geschildert werden, aufmerksam durch, so begegnen uns ganze Perioden eines geistigen Aufschwungs oder aber des geistigen Verfalls. Und die Chronik dieser Zeiten (angefangen von der zweiten Hälfte des 12. Jh.) lehrt uns, wie die Menschen im Ringen mit ihren eigenen Leidenschaften von Kräften kommen und wie die Kraft Gottes sie wieder stärkt. Hier drei Beispiele aus einem Bericht des Susdaler Bischofs Simon (gest. um 1226), die vom Ende des 12. Jahrhunderts stammen (Heiligenbuch des Höhlenklosters, Worte 19, 21, 22).
5. Über den ehrwürdigen Afanasi (Gedenktage - 28. September und 2. Dezember)
Im Höhlenkloster war ein Mönch - der ehrwürdige Afanasi - gestorben. Man hatte ihn gewaschen und in Leichentücher gehüllt, aber niemand wollte ihn beerdigen, denn "er war sehr arm... Den Reichen möchte jeder dienstbar sein, im Leben wie im Tode, um etwas zu erben". Und da kam "jemand" zu dem Abt und sagte ihm: "Der Tote liegt schon zwei Tage da und ist immer noch nicht bestattet, du aber bist wohlgemut". Da schämte sich der Abt sehr und ging andern Morgens mit allen Brüdern in die Zelle des Entschlafenen, sie fanden ihn jedoch zu ihrem großen Schrecken lebendig und - weinend - vor. Nachdem sie sich wieder etwas gefaßt hatten, fragten sie ihn, wie er denn wieder lebendig geworden sei und was er im Totenreich gesehen habe. Er aber erwiderte ihnen: "Rettet euch",- und fügte noch hinzu: "Wenn ich es euch auch erzählte, so würdet ihr mir es sowieso nicht glauben". Die Brüder schworen ihm jedoch, sie werden es tun. Da sagte er: "Hört in allem auf den Abt, tut immerfort Buße, betet zu unserem Herrn Jesus Christus und zu Seiner Allreinen Mutter und auch zu den ehrwürdigen Vätern Antonius und Feodosius, auf daß ihr euer Leben hier beschließen könnt und zusammen mit den heiligen Vätern begraben werdet. Diese drei Dinge müßt ihr vor allem beachten". Danach zog er sich in eine Höhle zurück, versperrte deren Eingang und hat noch zwölf Jahre gelebt. In dieser Zeit hat er mit keinem mehr ein Wort gesprochen. Aber vor seinem Tode rief er wieder alle Klosterbrüder zu sich, ermahnte sie nochmals an Buße und Gehorsam und fügte hinzu: "Selig ist, wer hier (im Höhlenkloster) zur letzten Ruhe gebettet wird".
Somit hat der ehrwürdige Afanasi also die Brüder daran ermahnt, welche Gebote ein Mönch vor allem zu befolgen hat, das sind: Gehorsam, Buße und unaufhörliches Beten. Diese Gebote hatte man also im Höhlenkloster mißachtet, und der Heilige wurde von Gott wiedererweckt und lebte dann noch zwölf Jahre, um den Brüdern eine lebendige Mahnung zu sein.
Die heiligen Begründer des Kiewer Höhlenklosters hielten für dessen Bewohner Unablässig Fürsprache, und daher flehte der ehrwürdige Afanasi die Brüder an, das heilige Kloster um nichts in der Welt zu verlassen.
6. Über den ehrwürdigen Erasm (Gedenktage - 24. Februar und 28. September)
Der Mönch Erasm war sehr reich und gab seinen ganzen Besitz für die Ausschmückung der Mariä - Entschlafenskirche her. Als er dann aber völlig verarmt war, da begannen ihn alle zu meiden (im Kloster nahm die Liebe ab). Und da kam Erasm der Gedanke: "Hätte ich dieses Geld doch lieber nach und nach an die Armen ausgeteilt, dann würden sie jetzt für mich beten." In der Chronik kann man nachlesen: "Und da ihm der Böse diese Gedanken eingeflüstert hatte, begann er einen sorglosen und ungebührlichen Lebenswandel zu führen. Schließlich wurde Erasm ernstlich krank. Am achten Tag, da er schon dem Tode nahe war, kamen alle Brüder zu ihm hin. Und plötzlich kam Erasm wieder zu sich und verkündete den Mönchen, ihm seien der hl. Antonius und der hl. Feodosius erschienen und hätten zu ihm gesagt: "Wir haben zu Gott gefleht, und der Herr hat dir Zeit zur Buße gegeben". Und da erschien die Allreine Gottesgebärerin, sie trug Ihren Sohn auf den Händen, und mit Ihr waren noch Heilige. Und sie sprach zu Erasm: "Dafür, daß du Meine Kirche mit Heiligenbildern geschmückt und ihr alle Ehrerbietung bezeigt hast, werde ich dich, im Reiche Meines Sohnes verherrlichen, die Armen aber sind immer neben euch. Nur mußt du, wenn du von deiner Krankheit genesen bist, Buße tun und die Gestalt eines Engels annehmen, denn am dritten Tag komme ich und werde dich, der du rein bist und die Pracht Meines Hauses liebgewonnen hast, zu Mir holen (Wort 21). Danach beichtete Erasm vor allen seine Sünden, nahm die Askese auf sich und hauchte am dritten Tag seine Seele aus.
So lassen es also die große Gnade Gottes und die Gebete der heiligen Klosterbegründer nicht zu, daß ein Mensch endgültig fällt. Mit ihrer Hilfe wird er schließlich ein guter Mensch, der Gott und die Menschen liebhat.
7. Über den ehrwürdigen Aref (Gedenktage - 28. September und 24. Oktober)
Im Höhlenkloster lebte einst ein Mönch namens Aref. Der hatte in seiner Zelle große Reichtümer, und die waren ihm so teuer, daß er den Armen keinen einzigen Heller und nicht einmal ein Stück Brot geben wollte. Ja, vor lauter Geiz wäre er selbst beinahe Hungers gestorben. (Zu Lebzeiten des hl. Feodosius wäre das unmöglich gewesen, denn damals waren die Mönche überaus bescheiden). Eines Nachts schlichen sich jedoch Diebe in die Zelle ein und nahmen alle seine Schätze mit sich fort. Aref aber begann die anderen Brüder des Diebstahls zu verdächtigen und quälte sie mit seinen Vorwürfen. Der Susdaler Bischof Simon bezeugte: "Wir flehten ihn alle an, er solle seine Nachforschungen doch endlich einstellen, aber davon wollte er nichts hören, sondern kränkte alle weiterhin mit seinen rohen Worten". Schließlich wurde er vor lauter Ärger ganz krank, "aber auch dann murrte und lästerte er noch weiter" (Wort 22). Plötzlich ging in Aref aber eine Wandlung vor, und er begann zu Gott zu flehen: "Herr, erbarme Dich meiner! O Herr, ich habe mich schwer versündigt, nimm alles hin, und ich will nimmermehr klagen". Und er erzählte den Brüdern, daß er durch Gottes Gnade eine Vision hatte: ihm seien Engel erschienen, von der anderen Seite aber ganze Heere von Teufeln herangebraust. Diese wollten sich bereits seine Seele holen, die Engel aber hätten Ihm verkündigt, wenn jemand für etwas gewaltsam Genommenes Gott danke, so werde ihm das als eine große Gnade angerechnet. Daraufhin tat Aref Buße und wandelte sich völlig um. Alle Brüder waren heilfroh, denn sie glaubten daran, daß ihm wirklich Engel erschienen seien, denn ansonsten hätte er nicht auf gehört mit dem Murren. Alle diese Berichte beziehen sich auf das Ende des 12. Jahrhunderts, da die ganze Rus von Zwistigkeiten zerfleischt wurde. Diese moralische Schwäche hatte auch das Höhlenkloster erfaßt, und die Mönche konnten sich ihrer nicht erwehren. Aber Gott der Herr stand ihnen auch weiterhin bei und half ihnen, ihre ureigenste Mission - den Menschen die Göttliche Wahrheit zu bezeugen - zu erfüllen.
Diesen drei Schilderungen im Heiligenbuch des Höhlenklosters sei noch eine Erzählung hinzugefügt, die sich schon auf unser Jahrhundert bezieht und von der Überlieferung treulich bewahrt wird. Das trug sich 1919 zu, da der Bürgerkrieg im Gange war und die weißen Truppen aus Kiew abzogen. Es hatte bereits eine "Kampagne zur Freilegung heiliger Reliquien" begonnen. Als der Kiewer Metropolit Antoni (Chrapowizki) im Begriff war, die Stadt zu verlassen, da wollte er alle Reliquien der Glaubensstreiter des Höhlenklosters aus Rußland herausführen. Und nun war der Klosterhof bereits mit Fuhrwerken vollgestellt und standen auch Eisenbahnwagen schon bereit: man wollte die Reliquien in den Süden bringen und von dort aus außer Landes schaffen. Metropolit Antoni wollte die Reliquien selbst tragen. Als er sich aber über den nächststehenden Sarg niederbeugte - in ihm lag der hl. Fürst Feodor Ostroshski (gest. 1438) - da schlug aus dem Sarg auf einmal eine Flamme empor, die dem Metropoliten den Bart und das Omophorium versengte (dieses Omophorium wird auch heute noch in Paris in einer orthodoxen Kirche aufbewahrt). Antoni war sehr bestürzt und hielt in seinem Tun inne, weil er dies als eine offenkundige Weisung Gottes deutete. Die Kirchenüberlieferung hat seine Worte bewahrt: "Diese Glaubensstreiter stehen für Rußland ein, ganz gleich, was mit ihm auch immer geschehen mag".
8. "Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen" (Joh. 1, 5).
Am 28. September (11. Oktober) gedenkt die Russische Orthodoxe Kirche der Ehrwürdigen Väter des Kiewer Höhlenklosters, die in den Nahen Höhlen bestattet sind. An diesem Tag bringen die Mönche des Kiewer Höhlenklosters, die gläubigen Menschen von Kiew und Wallfahrer aus anderen Landesgegenden den Reliquien der in den Höhlen ruhenden heiligen Gottesstreiter ihre Huldigung dar. Am 16. Juni 1988 ist das Mönchsleben in den Fernen Höhlen des Kiewer Klosters wiedererstanden. In dieser Zeit haben wir erneut offenkundige Zeichen der Göttlichen Gnade für dieses wunderbare Kloster erblickt; vor unseren Augen geschahen und geschehen Ereignisse, die noch in den Annalen des Kiewer Höhlenklosters vermerkt werden müssen.
Zweieinhalb Monate nach der Wiedererstehung des Mönchlebens in den Fernen Höhlen (14./27. August 1988), dem Vorfeiertag von Mariä Entschlafen und dem Gedenktag des ehrwürdigen Feodosius, begannen die berühmten Häupter in den Höhlen wiederum Chrisamgeruch zu verbreiten. In den vergangenen Jahrzehnten waren sie trocken gewesen, nun aber entströmt ihnen erneut heiliges Chrisam, und zwar so reichlich, daß in der ersten Liturgie jenes denkwürdigen Tages, um halb vier Uhr früh, alle Betenden mit heiligem Balsam gesalbt werden konnten. Die Kunde von diesem Wunder verbreitete sich rasch, und die Menschen begannen voller Freude und Ehrfurcht nach Kiew zu ziehen. Dank ihrem festen Glauben und den Gebeten der heiligen Väter des Höhlenklosters wurden die Gesalbten von verschiedenen Krankheiten geheilt und geistig gestärkt.
Weit wunderbarer ist jedoch, daß sich bereits in den 70er Jahren, da die Menschen an eine Wiedereröffnung des Kiewer Höhlenklosters nicht einmal zu denken wagten, geistige Wiedergeburten vollzogen hatten. Die Menschen vertrauten fest auf die Gebete der Ehrwürdigen und bekundeten den Wunsch, ihr ganzes Leben lang Gott zu dienen. Einige von ihnen wurden in die Brüdergemeinschaft des Kiewer Höhlenklosters aufgenommen. Und in eben jenen Höhlen, die sie früher als sogenannte Exkursionsteilnehmer besucht hatten, werden sie nun als Mönche eingekleidet und legen sie ihre Gelübde ab.
Wir möchten an die große Göttliche Verheißung erinnern, die den ileiligen Begründern des Kiewer Höhlenklosters zuteil geworden war, und zwar dem ehrwürdigen Antonius und dem ehrwürdigen Feodosius; der hl. Antonius hat hierüber wie folgt berichtet: "Ich habe zu meinem Herrn und zu Seiner Allreinen Mutter gebetet, und daher wird niemand in diesem Kloster zu Qualen verurteilt sein. Der Herr sprach zu mir, und ich habe Seine Stimme vernommen: "Ich aber habe Abraham gesagt: Ich will diese Stadt nicht verderben um der zwanzig Gerechten willen (1. Mose 18, 31), umsomehr werde ich deinetwillen und deretwillen, die bei dir sind, einen Sünder begnadigen und erretten: wenn ihn hier der Tod ereilt - so wird er gerettet werden". (Heiligenbuch des Höhlenklosters, Wort 15).