DIE SONNE DER RUSSISCHEN LANDE
Anfänge des Kiewer Höhlenkloster. Sinn und Zweck des heiligen Klosters.
"Orthodoxes Leseheft" - 1990-7
Teil II:
3. Die Bedeutung des russischen Mönchtums für gesellschaftlichen Leben Altrußlands.
3. Die Bedeutung des russischen Mönchtums für gesellschaftlichen Leben Altrußlands.
Im Lobeswort auf den hl. Feodosius können wir lesen: "Freue dich über die Aufklärung der Russischen Lande, die von Osten hergekommen ist und uns alle durch gute Taten erleuchtet hat". Aber weshalb ist nur von Feodosius die Rede und nicht von der ganzen heiligen Gemeinde? Weil der heilige Feodosius der Stützpfeiler am goldenen Himmel des Höhlenklosters war. Dieser Himmel, mit sichtbaren, wenig und überhaupt nicht sichtbaren Sternen bedeckt, atmete und lebte in Christlicher Liebe. Gott hatte Feodosius zu Seinem für alle sichtbaren Licht auserkoren. Das geistige Licht, das mit Gottes Willen viele über dem Höhlenkloster erblickten, wurde stets mit dem Namen des ehrwürdigen Feodosius in Verbindung gebracht. Aber auch viele Klosterbrüder haben wundersame Taten vollbracht, aber das geschah sozusagen im geheimen, blieb innerhalb der Mauern. Wie hatte doch der Arzt Agapit gesagt, als der todkranke Wladimir Monomach nach ihm gesandt hatte: "Soll ich für ihn hinausgehen und auch für alle anderen, so kann ich dies nicht tun, verzeiht es mir" und er übersandte dem Fürsten lediglich ein Heilkraut. Feodosius hingegen erschien überall: sowohl bei den Fürsten als auch unter den armen Leuten, und er ging sogar in eine jüdische Siedlung, um "mit den Juden über den Glauben zu streiten".
Eine kurze Mitteilung Nestors gibt darüber Aufschluß, wie Feodosius in Kiew gewirkt hat. Auf der Baustelle einer Kirche, wo Feodosius gewöhnlich wie jeder Mönch arbeitete, trat eines Tages eine arme Frau an ihn heran und bat ihn, er möge sie doch von einem ungerechten Gerichtsentscheid freisprechen. "Du erlöst viele von Kummer und Leid, - sagte sie, - so errette auch mich". Feodosius begab sich sofort zum Richter, überführte ihn, und der Frau wurde die Strafe erlassen. Im Byzantinischen Reich hatten sich die Mönche in der frühchristlichen Periode in Gerichts- und Verwaltungssachen eingemischt und somit einen ruhigen und ungestörten Vollzug der Gerichts- und Verwaltungspraktiken behindert. Zu der Zeit, da die Rus sich zum Christentum bekehrte, wurde in Byzanz mit Missetätern recht unbarmherzig um gegangen. Und diesen Geist wollte man in Rußland auch den Fürsten und dem Volk einimpfen. Aber das Kiewer Höhlenkloster durch Gottes Gnade entstanden, setzte alles daran, damit der Unbarmherzigkeit die Liebe entgegengesetzt werde. Entsinnen wir uns daran, wieviele Bischöfe aus dem Höhlenkloster gekommen sind - der hl. Simon nannte fünfzig an der Zahl – und wie diese überall dessen Geist verbreiteten, und erinnern wir uns an eine Stelle in einer damaligen Chronik, wo es heißt: "Dieser Bischof war ein Grieche und daher voller Arglist", so wird uns klar, auf wessen Seiten die Sympathien der Russischen Lande gewesen sind. Die Frau hatte zu Feodosius gesagt: "Du errettest viele". Und gedenken wir auch, wie gutherzig Feodosius war: ihm kamen beim Anblick der auf dem Klosterfeld gefesselten Diebe die Tränen. Diesem Umstand ist es wohl auch zu verdanken, daß alle höchsten Würdenträger von Kiew Feodosius außerordentliche Hochachtung entgegenbrachten: das wissen wir auch aufgrund folgender Begebenheit: eines Tages kehrte Feodossius mit einem Gefährt von dem Fürsten Isjaslaw zurück, und alle Bojaren, die ihm unterwegs begegneten, stiegen von ihren Pferden ab, um sich vor dem Abt zu verneigen (eine Ehrenbezeigung wie für einen Fürsten); erinnern wir uns an die Worte von Nestor dem Chronikschreiber, daß der Fürst Isjaslaw dem ehrwürdigen Feodossius sehr zugetan war und in allem auf ihn hörte, daß Feodosius ungehindert in alle Versammlungen der Richter ging, um diese gnädig zu stimmen, so können wir uns ein Bild davon machen, wie es mit den Verwaltungs- und Gerichtspraktiken im Kiewer Fürstentum aussah - sie wurden von dem Abt des Klosters fortwährend gemildert und korrigiert, und hinter ihm standen eine ganze Gemeinde der Liebe und Christus Selbst "Viele kamen damals zu dem ehrwürdigen Feodosius,- steht in der Chronik geschrieben,- um ihm ihre Sünden zu beichten, und er spendete ihnen großen geistigen Trost Aber ganz besonders hatte Feodosius Fürst Isjaslaw lieb, der nach seinem Vater, Jaroslaw, den Kiewer Thron bestiegen hatte (1054). Das Verhältnis zwischen dem Fürsten und dem Abt war einfach rührend. Isjaslaw schien ohne Feodosius nicht leben zu können. Er ließ ihn andauernd zu sich kommen und suchte ihn auch selbst auf, doch nie ritt er in das Kloster hoch zu Roß hinein, obzwar sich das für einen Fürsten durchaus geziemte; immer stieg er vorher ab und ließ auch sein Gefolge draußen. Selbst die kärgliche Klostermahlzeit mundete Isjaslaw weit besser als die kostbaren, auserlesenen Speisen zu Hofe, was er auch Feodossius sagte. "Das kommt daher, - erwiderte Feodossius, - weil unsere Kost beim Zubereiten immer gesegnet wird und zwischen denjenigen, die sie zubereiten, stets Liebe und Eintracht herrschen. Deine Diener aber scheinen sich oftmals zu zanken, und die Älteren kränken und schlagen sicherlich die Jüngeren".
Nicht minder als Isjaslaw war auch dessen Bruder Swjatoslaw, der zweite Sohn von Jaroslaw I., dem heiligen Feodosius herzlich zugetan. Er hatte nach Isjaslaws Verbannung den Kiewer Thron bestiegen und bis zu seinem Tode (1072-1076) geherrscht. Feodosius nahm Swjatoslaw die Verbannung von Isjaslaw sehr übel und prangerte ihn deswegen vor den Bojaren und dem Volke an, so daß Swjatoslaw zeitweise mächtig in Zorn geriet. Trotzdem unternahm er nichts gegen Feodosius, denn er verehrte ihn als einen gerechten und heiligen Mann. Aber kaum war Feodossius etwas sanfter gestimmt, da war Swjatoslaw, wie es bei dem ehrwürdigen Nestor geschrieben steht, hocherfreut und ließ den Ehrwürdigen fragen, ob er nicht zu ihm ins Kloster kommen dürfe (ein Kiewer Fürst bittet um Erlaubnis!). Als ihm Feodosius dazu seinen Segen erteilte, da kam Swjatoslaw mit vielen Bojaren, küßte Feodossius und sagte: ,Vater, vorher wagte ich nicht, zu dir zu kommen, denn ich dachte, du seiest mir sehr gram und läßt mich nicht in dein Kloster hinein". Und der Ehrwürdige erwiderte ihm: "Was bedeutet schon unser Zorn gegen dich allmächtigen Fürsten? Aber wir müssen die Wahrheit aufdecken, damit die Seele gerettet werde, ihr aber müsset darauf hören". Seit dieser Zeit kam der ehrwürdige Feodosius ständig zu dem Fürsten, und dieser kam ihm jedes Mal entgegen und führte ihn mit großer Freude in sein Haus hinein. Und auf der Stelle hörten im Schloß Musik und Tanz auf, wenn es zu dieser Zeit gerade irgendwelche Belustigungen gab. Gott der Herr ließ es Swjatoslaw auch wissen, als die letzte Stunde des heiligen Feodosius gekommen war: in diesem Augenblick stieg über dem Kloster eine Feuersäule zum Himmel empor.
Trotz aller Liebe und Verehrung, die Swjatoslaw für Feodosius empfand, vermochte der Heilige dennoch ihn nicht zu bewegen, seinem Bruder Isjaslaw den Thron zurückzugeben. Worin bestand hier nun die geheime Göttliche Vorsehung? Obwohl die Dinge und die zwischenmenschlichen Beziehungen auf Erden ziemlich verworren sind, so geschieht doch alles mit dem Willen Gottes. Vielleicht war es Swjatoslaw gerade beschieden, am Ende seines Lebens den Kiewer Thron zu besteigen und mit dem heiligen Feodosius Umgang zu pflegen. Und vielleicht war es andersherum für Isjaslaw nützlich, das Kreuz auf sich zu nehmen und zeitweilig Kummer und Leid zu erdulden. Beachtenswert ist, wie sich der Heilige zu dem Fürsten als Herrscher verhalten hat. Ein christlicher Herrscher trägt vor Gott eine große Verantwortung. Daher ist jeder kluge Fürst oder Zar immer bestrebt, gute Berater zu haben. Und dazu ersahen sie sich vor allem Heilige, also vom Heiligen Geist geleitete Menschen, aus, die in allen Dingen auf den rechten Weg hinlenken können. Gottlos und schmachvoll ist es aber, wenn ein Heiliger, der einen Fürsten der Unwahrheit überführt hat, fortgejagt oder gar in den Kerker geworfen wird.
Das gegenseitige Verhältnis zwischen dem hl. Feodosius und den Fürsten seiner Zeit beruhte auf der christlichen Glaubenslehre. Wir haben gehört, wie der Heilige fest und bestimmt zu Swjatoslaw gesagt hatte: "Wir haben zu tadeln und die Wahrheit aufzudecken, damit die Seele gerettet werde, ihr aber müsset darauf hören". Zuvor hatte er Swjatoslaw in einem Schreiben einen Kain genannt: "Das Blut deines Bruders schreit zu Gott", - hatte er darin gesagt,- eine sehr schlimme Anschuldigung, bedenkt man, daß der Bruder ja nicht getötet, sondern nur verbannt worden war. Wegen dieses Schreibens war Swjatoslaw dem Ehrwürdigen mächtig böse und wollte ihn sogar verbannen, wagte es aber nicht, heißt es in der Chronik, denn er hielt Feodosius für einen heiligen Mann. Damals waren das für die Russische Kirche große Zeiten, denn die Heiligen fürchteten sich nicht, die Herrscher zu tadeln, diese aber taten den vom Herrn gesandten Menschen nichts zuleide, denn sie waren in ihren Herzen wirklich sehr gottesfürchtig.
Wie der ehrwürdige Feodosius der Stützpfeiler der Klostergemeinschaft war, so brachte Wladimir Monomach den allgemeinen Geist des damaligen Rußlands bestens zum Ausdruck. Er war allgemein sehr beliebt, in ihm erblickte man einen Streiter für die Wahrheit, daher war man sehr froh, ihn selbst (und später auch seine Söhne) auf dem Kiewer Thron zu sehen. Die Belehrungen, die Wladimir Monomach seinen Kindern erteilte, sind seine Lebensbeichte, und sie wurden damals für alle lese- und schreibekundigen Menschen zu einer Richtschnur. ,,O meine Kinder! Rühmt Gott! Liebt die Menschen! Seid stets barmherzig und empfangt einen jeden Menschen voller Liebe... teilt alles, was ihr habt, freigebig aus. Nimmt man euch etwas fort, so rächt euch nicht, werdet ihr gescholten, so betet!... Tötet weder einen Rechtschaffenen noch einen Schuldigen: das Leben eines Christen ist vor unserem Herrn heilig". Das ist eine Beichte Monomachs und keine Predigt, denn er selbst hat alles mit beiden Händen ausgeteilt und ist anderen gegenüber immer nachgiebig gewesen. Seine geistige Entwicklung hatte Wladimir in großen Maße dem Kiewer Höhlenkloster zu verdanken, denn zweimal errettete es ihn vom Tode und hat ihm auch gezeigt, worauf es im Leben vor allem ankommt. Und das war so.
Wladimir Monomach, sein Bruder Rostislaw und der Kiewer Fürst (zu jener Zeit war es Swjatopolk, Isjaslaws Sohn) mußten 1093 an der Stugna von den Polowzern eine Niederlage hinnehmen. Bei der Überquerung des Flusses ging Rostislaw vor den Augen seines Bruders in den Fluten unter. Zuvor hatte sich folgendes ereignet. Gregor der Wundertäter war eines Tages aus dem Höhlenkloster zum Dnepr hinabgestiegen, um Wasser zu schöpfen. Gerade um diese Zeit kam hier Rostislaw mit seiner Drushina vorbei. Er wollte sich im Höhlenkloster den Segen erbitten, führte er doch mit seinem Bruder Wladimir Monomach gegen die Polowzer Krieg. Rostislaws Diener begannen, Gregor zu verspotten. Der Mönch aber, der ihr baldiges Ende voraussah, sagte zu ihnen: "O meine Kinder! Wenn ihr ein Gebet braucht, weshalb tut ihr dann Böses und erzürnt Gott?! Ihr werdet bald vor den Richterstuhl des Allmächtigen hintreten, denn ihr werdet zusammen mit eurem Fürsten im Fluß ertrinken". Rostislaw - ein sehr guter Schwimmer - faßte die Worte des Heiligen als eine Verhöhnung auf, ergrimmte mächtig und befahl, Gregor zu binden und in den Fluß zu werfen. Er selbst aber ging nicht ins Kloster, wie er es eigentlich tun wollte, und empfing keinen Segen. Sein Bruder Wladimir aber ließ sich im Kloster segnen, und so kam es, daß der Fromme gerettet wurde, der Böse aber ertrank...
Im Höhlenkloster lebte und diente der Arzt Agapit. Einmal lag Wladimir Monomach schwerkrank danieder und schickte nach Agapit, denn schon die berühmtesten Ärzte wußten ihm nicht mehr zu helfen. Aber Agapit verließ niemals das Kloster und tat es auch dieses Mal nicht, obzwar ihn der Fürst selbst zu sich gerufen hatte. Er gab dessen Diener lediglich etwas gesottenes Gemüse von seinem Tisch (so heilte er gewöhnlich die Kranken). Wieder gesund, übersandte Wladimir dem Agapit durch einen Bojaren kostbare Geschenke. Aber Agapit nahm das Gold nicht an und ließ dem Fürsten ausrichten: "Ich behandle und heile kostenlos, denn die Kranken haben ihre Genesung nicht mir, sondern Christus zu verdanken. Vor dem Tode hat ihn Christus Selbst bewahrt, denn er lebt unter uns. Sage deinem Fürsten, er solle etwas von seiner Habe an die Armen austeilen". Und Fürst Wladimir,- heißt es in der Chronik, - begann seinen Besitz an die Armen auszuteilen. So hatte Agapit, indem er Wladimir vor dem Tode errettete, diesen zu großer Barmherzigkeit angeregt. Das bestätigt Monomach auch selbst, denn er beginnt die Belehrung an seine Kinder mit folgenden Worten: "Fürchtet Gott, und spendet reichlich Almosen, denn darin liegt die Wurzel alles Guten".
Hatte die heilige Klostergemeinschaft bei Wladimir Monomach die ihm ohnehin schon innewohnende Herzensgüte noch mehr verstärkt, so vollbrachte sie in Bezug auf einen anderen Kiewer Fürsten, gemeint ist Swjatopolk (1093-1113), ein wahres Wunder, denn sie wandelte ihn völlig um: Einst böse und grausam, wurde er nun gutherzig. Gerade dieses Wunder zeugt davon, daß in der Rus gute Zeiten angebrochen waren, und den Grundstein dazu hatte das Höhlenkloster gelegt, weil es die Russischen Lande geweiht hatte. Wie vollzog sich dieses Wunder?
Die Güte, die das Höhlenkloster über die Rus ausstrahlte, fand vorübergehend ein jähes Ende, und damit hatte es folgende Bewandtnis: Wladimir Monomach, den das Volk nach dem Tode seines Vaters, Wsewolod, (1093) auf dem Kiewer Thron sehen wollte, verzichtete auf diesen zugunsten seines Vetters Swjatopolk, eines Sohnes von Isjaslaw, weil es diesem nach dem Majoratsrecht zukam. Von diesem Swjatopolk bezeugt die Geschichte folgendes: "Dem Charakter nach waren die Söhne von Isjaslaw und Wsewolod grundverschieden: Swjatopolk war grausam und über alle Maßen ehr- und herrschsüchtig". Somit mußte die Rus zwanzig Jahre lang eine grausame Herrschaft erdulden (Wladimir bestieg den Thron erst 1113 nach Swjatopolks Tod). Aber die heilige Klostergemeinschaft wandelt das Leben in Kiew auf wunderbare weise um, und Swjatopolk wird ein anderer. Im Heiligenbuch des Kiewer Höhlenklosters wird diese Zeit folgendermaßen geschildert.
In dieser schweren und kummervollen Zeit kam in das Kloster ein Mann, Prochor genannt. Eine Besonderheit seines asketischen Lebenswandels war es, daß er kein gewöhnliches Brot aß, sondern Meldekraut sammelte und sich daraus sein Brot machte. Über Kiew war infolge einer Mißernte und fehlender Vorsorge von Seiten des Fürsten eine Hungersnot hereingebrochen. Aber gerade in diesem Jahr wuchs die Melde massenweise, und Prochor gehorchte der Göttlichen Eingebung und sammelte das Kraut fleißig ein. Zuerst bot Prochor sein Brot den Mönchen an und dann auch den Stadtbewohnern. Hungrig, wie sie waren, schmeckte ihnen dieses Brot viel besser als gewöhnliches Weizenbrot. Aber eines Tages nahm sich ein Mönch bei Prochor ungefragt Brot. Es war aber ganz schwarz und völlig ungenießbar. Der Mönch beichtete dem Abt sein Vergehen. Dieser aber glaubte ihm nicht und wollte sich selbst vergewissern, wie es sich mit dem wunderbaren Brot verhielt. Er sandte zwei Mönche zu Prochor hin: der eine sollte um Brot bitten, der andere aber heimlich welches fortnehmen. Und das ungefragt genommene Brot war auch tatsächlich schwarz und bitter wie Erde. Die ganze Stadt kam zu Prochor hin, und er gab allen von seinem Brot zu essen. Das war sein erstes Wunder...
Nach einer gewissen Zeit begann es an Salz zu mangeln - die Folge eines Krieges - und das Volk war sehr betrübt. Da sammelte Prochor aus allen Zellen viel Asche ein und teilte sie den Bedürftigen als pures Salz aus. Und das Volk strömte massenweise zum Kloster, um sich von dort Salz zu holen. Niemand ging mehr auf den Markt, denn die Händler hatten die Salzpreise übermäßig hinaufgeschraubt. Da beklagten sie sich bei Swjatopolk, daß sie durch das Höhlenkloster große Einbußen erleiden. Dem Fürsten kam die Idee, sich selbst an dem Klostersalz zu bereichern. Er schickte zum Kloster mehrere Wagentrosse hin. Sie sollten das ganze Salz herbeischaffen, damit man es am Fürstenhof verkaufe. Als die Leute aber von dem Salz kosteten, da war es pure Asche. Inzwischen wollten die Leute weiterhin von Prochor Salz bekommen. Er erzählte ihnen, was geschehen war, tröstete sie aber zugleich, indem er zu ihnen sagte: wenn der Fürst die Asche fortwerfen läßt, so seid nicht faul und sammelt sie ein. Und so geschah es denn auch: Swjatopolk war über das Klostersalz mächtig enttäuscht und befahl, man sollte es des Nachts heimlich von seinem Hof wegschaffen. Und die Asche wurde wieder zu Salz, und das Volk sammelte es voller Freude ein...
Als der Fürst das erfuhr, da erschrak er sehr und begann sich zu erkundigen, wer dieser Prochor denn sei. Als man ihm von dessen Wundern berichtete, die sich nicht nur mit dem Salz, sondern auch mit dem Brot aus Meldekraut zugetragen hatten, da schämte sich Swjatopolk seines Tuns, begab sich in das Höhlenkloster und bat den Abt Ioann um Verzeihung. Früher war er dem Abt feindlich gesinnt, denn dieser hatte den Fürsten wegen seiner unersättlichen Habgier und der dem Volke zugefügten Kränkungen heftig getadelt (einmal ließ er ihn sogar verbannen, holte ihn dann aber auf Bitte von Wladimir Monomach zurück). Dann ging er auch zu Prochor hin, bat ihn um Vergebung und versprach, künftig niemandem mehr etwas zuleide zu tun.
Außerdem sagte er: "Sollte ich vor dir sterben, so senke mich eigenhändig ins Grab, so beweist du, daß du mir nicht mehr gram bist. Scheidest du aber vor mir aus der Welt, so werde ich dich auf meinen Armen in die Höhle tragen, damit mir der Herr meine große Sünde vor dir vergebe". Prochor lebte noch ein paar Jahre und wurde dann krank. Da schickte er nach Swjatopolk, der sich gerade auf einem Feldzug gegen die Polowzer befand, und bat, er möge kommen und sein Versprechen erfüllen. Kaum hatte Swjatopolk diese Nachricht erfahren, da machte er sich eiligst nach Kiew auf. Vor seinem Tode ermahnte der Selige den Fürsten, zu seinen Nächsten immer mildtätig zu sein und Buße zu tun. Dann erteilte er ihm seinen Segen, nahm Abschied von ihm, streckte die Hände zum Himmel empor und empfahl seine Seele Gott. Der Fürst trug ihn zusammen mit Mönchen in die Höhle, legte ihn in den Sarg und kehrte dann zu seinem Heer zurück. Die russischen Krieger errangen einen glänzenden Sieg. Diesen Sieg hatte Gott den Russischen Landen geschenkt, wie es der hl. Prochor dem Fürsten prophezeit hatte. Von da an kam Swjatopolk, bevor er zu einem Feldzug aufbrach, immer in das Höhlenkloster, um den Segen zu empfangen. "Fürst Swjatopolk kündete ganz offen von den Wundern und Zeichen des hl. Prochor", und Gott war ihm, nachdem er ihn zuvor oftmals gestraft hatte, nun gnädig gesinnt.
Vergleichen wir die Lebensbeschreibung des hl. Prochor mit den Viten der anderen heiligen Väter des Höhlenklosters, so bemerken wir gleich von Anfang an einen Unterschied: "Als Swjatopolk Fürst war, da kam in das Höhlenkloster ein gewisser" usw. Der Heilige wurde sozusagen speziell zu diesem Fürsten entsandt, damit er geistig gesunde. So sind seine Wundertaten auch eine allgemeine Hilfe für die Bedürftigen, für den Fürsten aber eine Belehrung...
So erlangten die Mönche des Höhlenklosters, indem sie die Sinnenlust geißelten und mit ihren Tränen die versteinerten Herzen erweichten, die Christliche Wahrheit und gaben diese an das russische Volk weiter. Liebe, Wundertaten und die Allmacht des Herrn - sie waren es, welche die Herzen der Kiewer zu der heiligen Gemeinschaft des Höhlenklosters hinzogen, wo sie geistigen Trost und Erbauung fanden. Der Chronist Nestor, beseelt von dem Geist des Höhlenklosters, bezeugt das Kloster basiere "auf Tränen auf Fasten und auf Beten". Und Wladimir Monomach, dieser große Herrscher der Russischen Lande, entziffert den Sinn dieser Formel wie folgt: "Durch drei gute Taten wird ein Feind bezwungen: durch Buße, durch Tränen (d. h. innerliche Rührung) und durch Almosen... durch ein solch geringes Werk erlangt man die Gnade des Herrn" oder um mit dem ehrwürdigen Seraphim von Sarow, einem Heiligen späterer Zeiten, zu sprechen, wird man des Heiligen Geistes teilhaftig. Wladimir Monomach ist niemals von seinem Glauben abgewichen, denn er trug ihn in seinem Herzen. Jenes Volk aber, das diesen Glauben als den seinigen anerkannte und in der Seele mit Wladimir Monomach mitfühlte, durfte sich die Heilige Rus nennen. Und das russische Volk war, wenn es das alte Kiew weiterhin liebte und verehrte, dessen stets eingedenk.