DIE SONNE DER RUSSISCHEN LANDE
Anfänge des Kiewer Höhlenkloster. Sinn und Zweck des heiligen Klosters.
"Orthodoxes Leseheft" - 1990-7
Teil I:
1. Anfänge des berühmten Kiewer Höhlenkloster.
2. Sinn und Zweck der Großtat der heiligen des Höhlenklosters.
1. Anfänge des berühmten Kiewer Höhlenkloster.
Im 11. Jahrhundert vollzog sich inmitten der russischen Lande, in Kiew, ein göttliches Wunder - es wurde die Grundlage zu dem späteren berühmten Kiewer Höhlenkloster gelegt. Der hl. Chronist Nestor, von Gott dazu ausersehen, über die hl. Kloster zu berichten, sagt aus, "der Herr habe in dieser Kloster Menschen gesandt, die in russischen Lande wie Himmelsleuchte strahlten. Was an dieser Bekundung von Gottes Ruhm und Macht so einmalig war, ist, daß nicht ein einziger Heiliger, sondern eine ganze Mönchsgemeinschaft - eine kleine Apostelkirche - entsand worden war, um die Wahrheit zu bezeugen. Das hervorstehende Wesensmerkmal einer solchen Gemeinschaft ist es, daß sie genauso wie die Sonne rings um sich herum ein Licht des Trostes und der Liebe verbreitet. Die Kiewer, und nach ihnen auch die ganzen Russischen Lande, könnten nachempfinden, wie glückspendend jene brüderliche Liebe war, welche die Klosterbrüder füreinander hegten. Der Susdaler Bischof Simon, ein ehemaliger Mönch dieses Klosters, bezeugt, welch ein Glück es war, dieser Gemeinschaft anzugehören: "Ich sündiger Bischof habe eine Kathedrale in Wladimir - eine Zierde für die ganze Stadt - und noch eine andere, eine Kirche in Susdal, die ich selbst erbaut habe; wie viele Städte und Dörfer haben sie, und über alledem waltet unsere Wenigkeit; aber bei Gott: all diesen Ruhm und diese Macht würde ich hergeben, müßte ich als eine Weidenrute hinter dem Tor des Höhlenklosters stecken oder dort als Unrat herumliegen, den die Menschen mit Füßen treten, oder aber ein armer Krüppel sein, der am Klostertor um Almosen bittet." Das sind natürlich keine leeren Worte, sondern das ist ein Jammergeschrei eines Herzens, das vor Sehnsucht nach der Glückseligkeit vergeht, mit der das Leben der Klostergemeinschaft angefüllt war. Wer das Kloster verließ, der ging nach den W orten von Bischof Simon dieses Glückes verlustig: ein einsamer Heiliger - ist ein Märtyrer, ein Heiliger unter Heiligen - und ist glücklich wie ein König.
Der ehrwürdige Nestor der Chronikschreiber weist wiederholt darauf hin, daß der Herr Selbst das Höhlenkloster begründet habe. Um diesen Gedanken noch mehr herauszustreichen, schreibt er: "Andere Klöster werden von Fürsten, reichen oder gottesfürchtigen Leuten gegründet". In diese Klöster kommen die Menschen auf Einladung der Gründer oder veranlaßt durch irgendwelche fromme oder anderweitige Gefühle und Erwägungen. Um aufzuzeigen, wie sich die vom Heiligen Geist geleiteten Menschen durch Gottes Willen zusammenfinden, spricht der ehrwürdige Nestor: "Gott hatte den Abt des Klosters auf Athos, wo der heilige Antonius zunächst gedient hatte, geheißen, Antonius nach Rußland zu lassen". Und dann, nach dem Antonius nach Athos zurückgekehrt war, weil in Kiew innere Fehden ausgebrochen waren (Swjatopolk tötete den hl. Fürsten Boris), befahl der Herr abermals, Antonius nach Rußland zu schicken, denn dort werde er gebraucht. Als dann der hl. Antonius in Kiew ein Kloster nach dem anderen aufgesucht, sich jedoch in keinem einzigen niedergelassen hatte, deutet das der ehrwürdige Nestor folgender maßen: "Er sollte sich in einer Höhle niederlassen, denn so war es Gott gefällig". Und über den hl. Feodossius hat Nestor ausgesagt: "Kein einziges Kloster in Kiew hatte ihn aufgenommen, und der Herr führte ihn zu einer Stelle, wie es ihm bereits im Mutterleib von Gott vorausbestimmt war, nämlich zu der Höhle des hl. Antonius".
Bezeichnend ist das Gespräch, das die beiden von Gott Auserwählten miteinander führten. Als der ehrwürdige Feodossius den ehrwürdigen Antonius um Aufnahme bat, begann ihm dieser zu schildern, wie schwer doch das Leben in der Höhle sei. Feodossius hingegen gab darauf zur Antwort: "Du weißt, der Herr Selbst hat mich zu dir hergeführt". Und Antonius - vom Heiligen Geist beseelt - nahm ihn sofort auf, denn er hatte in dem Bruder einen von Gott Auserwählten erkannt.
Nur wem wirklich der Heilige Geist innewohnte, konnte sich zu der geheimnisvollen Einkleidung von Pimen dem Schmerzensreichen durch Engel so verhalten, wie es der Abt des Höhlenklosters und die Brüder getan haben. Eines Tages hatte ein Elternpaar sein von Kindheit an kränkelnden Sohn in das Kloster gebracht, in der Hoffnung, er werde dort genesen. Und auch der Sohn selbst hatte von jung an Mönch werden wollen. Des Nachts schliefen die Eltern mit ihren Dienern neben dem Sohn in einem ihnen zugewiesenen Raum. Plötzlich kommen Engel in der Gestalt des Klosterabtes und der Brüder herein, treten auf den Kranken zu und fragen: "Möchtest du, daß wir dich als Mönch einkleiden?" Und der Kranke, der die ganze Zeit lang dafür gebetet hatte, willigt voller Freude ein. Da begannen sie ihm Fragen zu stellen, ganz wie es das Ritual erfordert. Danach hüllten sie ihn in ein langes Gewand ein, setzten ihm die Mönchskappe auf und gaben ihm den Namen Pimen. Sie prophezeiten ihm, er werde bis zu seinem Tode krank bleiben und erst kurz davor genesen. Sie küßten ihn und gingen wieder fort. Die Klosterbrüder aber hatten Geräusche vernommen und meinten, der Kranke hätte das Zeitliche gesegnet. Als sie zu ihm hinkamen, da fanden sie ihn in einem Mönchsgewand und hocherfreut vor. Er versicherte, der Abt und noch andere hätten ihn geschoren; die Haare hätten sie mitgenommen und seien in die Kirche gegangen. Und die Haare wurden auch tatsächlich in der verschlossenen Kirche auf dem Grabe des hl. Feodossius entdeckt. Da erkannten alle, - heißt es im Heiligenbuch, - daß die Mönchsweibe auf Gottes Geheiß von Engeln vollzogen worden war, und sie wurde von dem Abt und den Klosterbrüdern auch als wahrhaftig anerkannt. Sie akzeptierten auch den ihm von den Engeln gegebenen Namen - Pimen. So konnten nur Menschen handeln, die im Geiste leben und von dem Heiligen Geist die entsprechende Zusicherung erhalten hatten.
Die des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind, kennen Gottes Willen und führen ihn aus. So antwortet der heilige Nikon dem Fürsten, der dem Höhlenkloster gram ist, weil es seinen Vertrauten, Jefrem, und Warlaam, den Sohn eines Bojaren, zu Mönchen geweiht hat, kühn und entschieden: "Ich habe mit Gottes Segen und auf Geheiß unseres Herrn Jesus Christus, der sie zu dieser Großtat aufforderte, ins Kloster aufgenommen." Das Zeugnis des hl. Nikon von dem Geheiß Christi offenbart eine bemerkenswerte Eigenschaft der Klostergemeinschaft: sie ist von dem Heiligen Geist beseelt und ordnet sich unmittelbar Christus - dem Oberhaupt der Kirche - unter. Einer solchen Gemeinschaft können irdische Willkürlichkeiten nichts anhaben. Sie ist auch innerlich frei - ein jeder Mönch verrichtet seine Großtat, wie sie ihm der hl. Geist geboten hat. Zu gleicher Zeit sind alle Heiligen in großer Liebe zueinander vereint. Jeder Bruder liebt den anderen und empfindet für ihn als Träger einer besonderen Gnade Christi Hochachtung. Gibt es in einer solchen Gemeinschaft auch Schwache, so rettet sie die Liebe. Von dem Klosterabt, dem hl. Feodossius, kann man sagen, daß er den Brüdern in allem Freiheit gelassen hat; man braucht nur zu sagen, weshalb ihn die Brüder gewählt hatten: "Aufgrund seiner Sanftmut und Demut erachtete er sich geringer als alle anderen und hat allen gedient"". Er war nicht so sehr ein gutherziger Gebieter als vielmehr die Inkarnation guter Taten. Mußte im Kloster irgendeine dringende Arbeit verrichtet werden, so ging der Abt Feodossius den Brüdern stets mit gutem Beispiel voran.
Anhand des Lebenswandels des hl. Nikita ist zu erkennen, wie in der Gemeinschaft die Freiheit des Bruders geachtet wurde und wie die Brüder zugleich mit ihrer Liebe jemanden retteten, war er infolge dieser Freiheit geistlich vom rechten Wege abgekommen. Der hl. Nikita, noch jung, wollte ein Einsiedlerleben führen. Der damalige Abt Nikon riet ihm weder zu noch ab. Niemand verwehrte Nikita seinen Wunsch. Erst als zutage trat, welche schlimmen Früchte dieses Einsiedlerleben getragen hatte: Nikita hatte gänzlich das Neue Testament vergessen und kannte sich nur im Alten Testament aus, er hatte fälschliche Visionen (ein "Engel" betete an seiner Stelle, während er selbst nur Bücher las), er weissagte den Leuten, die zu ihm kamen und erlangte großen Ruhm,- da behütete ihn die Liebe der Brüder vor scheinbarer Heiligkeit, was nicht gewaltsam, sondern auf wunderbare Weise geschah. Die Brüder kamen einfach zu ihm hin, um gemeinsam mit ihm zu beten, und der Böse ließ von ihm ab. Danach hatte Nikita schon nichts mehr aus dem Alten Testament im Gedächtnis und versicherte sogar, er habe es nie gekannt. Zu sich gekommen, sah Nikita seinen schweren Irrtum ein, bereute sein eigenwilliges Dienen und begann ein neues Leben in Christus. Eine volle Freiheit ist selbstverständlich nur dort möglich, wo die brüderliche Liebe vor einem falschen Weg bewahrt - und eine solche Stätte ist gerade das Höhlenkloster gewesen.
Der geistige Weg eines getreuen Dieners offenbart sich nur durch Gottes Willen. Bei vielen ist der Weg jedoch weiterhin unbekannt. Was könnte man über die geheime Gebetsverrichtung sagen? Oder von einem Klosterbruder, der nicht nur dem Wort, sondern auch seinem Lebenswandel nach ein Heiliger ist, demjenigen geistig überlegen, dem er doch zu Gehorsam verpflichtet ist? Nur durch die Göttliche Vorsehung ist zu erkennen, welche Göttliche Kraft ihm innewohnt. So wurde über Isaaki folgendes berichtet: einmal sagte der Koch in der Küche, wo Isaaki diente, zu diesem im Spaß: "Isaaki, sieh doch, da spaziert auf dem Hof ein lebendiger Rabe herum. Geh' hin, und fange ihn mal ein". Isaaki ging hinaus und kehrte auf der Stelle mit dem lebendigen Raben im Arm zurück.
In dem Bericht über die Chrisamgeruch verbreitenden Häupter lesen wir: in den Höhlen gibt es Chrisamgeruch verbreitende Häupter unbekannt von wem, aber daß sie Gottesheiligen gehören, ist daran zu erkennen, daß sie auf unbegreifliche W eise Balsam ausströmen. Dieses besitzt die Göttliche Gabe, alle zu heilen, die gläubig herkommen und sich damit salben. So ungewiß es ist, wem diese Häupter gehören, läßt sich auch nicht sagen, wie viele Heilige es in den Höhlen gegeben hat. Nicht nur ihr Dasein, selbst ihre Namen sind verborgen geblieben. Und der Erzähler fügt bei der Vollendung des Heiligenbuches des Kiewer Höhlenklosters vielsagend hinzu: "Wir hoffen, Jener, der gesagt hat: Ich bin der helle Morgenstern (Offbg. 22, 16), wird die Sterne des Höhlenklosters nicht ewig verborgen halten, sondern einst Licht in das Dunkel bringen und allen davon künden, wie ihr Schicksal verlaufen ist".
2. Sinn und Zweck der Großtat der heiligen des Höhlenklosters.
Der Herr rief die Heiligen zu sich und erlegte ihnen einen bestimmten Dienst auf - so hieß es: "Antonius solle sich in einer Höhle niederlassen". So offenbart sich der Sinn der ursprünglichen Großtat der Heiligen des Höhlenklosters.
Zu allen Zeiten hat es die wahrhaftige Christuskirche bei ihrem Dienen in der Welt schwer gehabt. Oftmals wurde der christliche Glaube nur dogmatisch aufgefaßt, wohingegen Güte und Liebe nicht vorhanden waren. Aber ohne sie ist die christliche Wahrheit immer verunstaltet. Die Herzensgüte, wie sie den Slawen eigen ist, war ein großes Gut, wodurch sie der besonderen Gnade Gottes teilhaftig wurden. Aber die in der Menschheit unaufhörlich wirkenden gefallenen Engel und der ganze Aufbau des Erdenreiches mußten auch das russische Volk zu ungebührlichem. Tun verleiten. Die brüderliche Christenliebe nahm ab.
Damit in der Rus auch weiterhin Güte und Liebe herrschten, mußte man allen Verlockungen und Ausschweifungen der Welt entsagen. Einer solchen Verzichtleistung sind selbst die Rechtschaffenen nur mit Gottes großer Hilfe gewachsen. Und so wählt der Herr aus den Mitgliedern der Russischen Kirche die Geduldigsten und Frömmsten aus, gewährt. Er ihnen Seinen Schutz und Seinen Beistand und entsendet Er sie in die Tiefe der Erde. Sie werden die übermäßig schwere Bürde ihrer Nächsten mittragen und ihnen somit im Widerstreit mit dem Fürsten dieser Welt behilflich sein.
Im Jahre 1028 ließ sich der hl. Antonius in der Kiewer Höhle nieder. Sie hatte Metropolit Ilarion, als er noch Geistlicher in Berestowo war, ausgegraben, und er ist der erste Glaubenseiferer der heiligen Höhlengemeinschaft gewesen. 1032 kam auch der hl. Feodossius dorthin, aber der hl. Nikon lebte damals schon mit Antonius zusammen. "In der Höhle gab es drei große Leuchten, die durch Beten und Fasten die Finsternis des Bösen vertrieben, das waren der ehrwürdige Antonius, der selige Feodossius und der große Nikon", - bezeugt der ehrwürdige Nestor der Chronikschreiber. Aber ihr Licht drang damals nicht aus dem tiefen Gewölbe heraus - es war unsichtbar. Aber gerade dort wurde in der liebreichen Gegenwart des gekreuzigten Christus die eherne Feste der vollkommenen Christuskirche errichtet. Das dauerte beinahe zwanzig Jahre. In dieser Zeit kam aus Polen Moissei Ugrin, der Bruder des ermordeten Waffenträgers des hl. Fürsten Boris, zu ihnen hin; er hatte in seinem Leben vieles durchgemacht. Erst am Ende der Regierungszeit von Jaroslaw (er starb 1054) wurde durch Gottes Willen etwas über die Asketen bekannt, und zu ihnen führte der Heilige Geist dann auch noch andere von Christus Auserwählte hin. So scharten sich um den ehrwürdigen Antonius zwölf Brüder, sie legten eine weiträumige Höhle an und richteten in ihr eine Kirche und Mönchszellen ein. Und nun war die Zeit gekommen, in Gottes Licht hinauszutreten. Im Jahre 1056 ließ der erste Abt, Warlaam, außerhalb der Höhle eine kleine Kirche erbauen. Zur gleichen Stunde wurde verkündet, wie die Höhlengemeinschaft nach Gottes Willen beschaffen sein soll. Der hl. Antonius sagte: "Liebe Brüder, Gott hat uns versammelt, möge der Segen des Herrn und der Allerheiligsten Gottesgebärerin mit euch sein, lebt nun allein, ich aber werde weiterhin abgeschieden leben". Und der hl. Antonius schloß sich in einer Zelle ein, um jeglichen Widerspruchs zu entgehen. Bald darauf begann er eine neue Höhle zu graben, die sich unter dem später errichteten Höhlenkloster befindet - sie ist sozusagen sein unsichtbares, geistliches Fundament. Hatte sich der hl. Antonius aber, indem er sich zurückzog, dadurch von allen anderen getrennt? Nein, keinesfalls. Er führte das unterirdische, qualvoll schwere Leben der Gemeinschaft lediglich weiter. Die Brüder hingegen sollten bald danach an die Erdoberfläche zurückkehren und auf einer Anhöhe ein Kloster errichten. Das geschah 1062 nach einer Beratung des ehrwürdigen Feodossius (des zweiten Abtes nach Warlaam) und des ehrwürdigen Antonius, da die Anzahl der Mönche bis auf einhundert an gewachsen war. Der hl. Antonius hatte voller Freude seine Zustimmung gegeben. Und des weiteren ist Antonius im ganzen Klosterleben immer unsichtbar zugegen (manchmal auch sichtbar: er pflegt den kranken Isaaki). Als kurz vor seinem eigenen und vor Feodossius' Tod ( 1072 - 73) beschlossen wurde, eine große Kirche zu errichten, da fleht er Gott an, Er möge eine geeignete Stelle zeigen. Aber ebenso, wie der ehrwürdige Antonius weiterhin am irdischen Leben teilnimmt, so beteiligen sich auch viele Brüder am unterirdischen Dasein. Auch Feodossius selbst entfernt sich zeitweilig in das unterirdische Gewölbe und hält sich dort auch stets während der Großen Fasten auf. Nach ihm sind die Nahen Höhlen und nach Antonius die Fernen Höhlen benannt.
Die Gemeinschaft teilt sich sozusagen in das unterirdische Gewölbe und das irdische Kloster, die eine Hälfte ist in das Dunkel der Höhle getaucht, die andere aber tut der Welt ihr irdisches Leben kund. Die Welt zehrt an den Kräften der Kirche, sie muß unaufhörlich gegen deren Finsternis ankämpfen, aber aus dem unterirdischen Gewölbe strömt ihr neue Energie zu. Die beiden Stützen der Gemeinschaft - der ehrwürdige Antonius und der ehrwürdige Feodossius - sind unzertrennlich: der eine leitet die unterirdische Gemeinde und der andere - das sichtbare Kloster. Aber beide und auch alle Brüder sind geistig hier wie dort gegenwärtig. <...>
Daher hat das russische Volk die Erinnerung an das Kiewer Höhlenkloster als an eine hochbedeutsame Zeit des Volkslebens zwar bewahrt, aber niemand weiß wirklich, was sich dort zugetragen hat, oder er täuscht sich, wenn er Unwesentliches für das Wichtigste hält. Daß dem so ist, bezeugt auch das Heiligenbuch des Höhlenklosters. Sein erster Teil besteht aus Aufzeichnungen des ehrwürdigen Nestor, denn er hat das Heilige Leben im Kloster selbst miterlebt. Der zweite Teil wurde von Archimandrit Polikarp verfaßt. Er hat die Heiligenviten nach den Worten von Bischof Simon zusammengestellt, der das selige Leben im Kloster von eigener Erfahrung her kannte. Und zwischen "Nestors Zeugnis von den heiligen ersten Mönchen des Höhlenklosters, deren Leben er im ersten Teil beschrieben hat" (so ist dieses Kapitel des Heiligenbuches betitelt) und "dem Schreiben unseres Vaters Polikarp an den seligen Akindin, den Abt des Höhlenklosters; über dessen Heiligen" (so heißt das Kapitel, mit dem Polikarps Aufzeichnungen enden) ist geistig ein himmelweiter Unterschied zu sehen. Nestor spricht nur von der Liebe (von Wundern spricht er wenig) - die Liebe legt er dem Leben im Höhlenkloster zugrunde; Polikarp hingegen verliert kein einziges Wort über die Liebe, ihn setzen nur die Wunder - die "erhabenen Dinge", wie er sich ausdrückt, und die asketischen Großtaten in Erstaunen. Für Nestor ist die Erinnerung lieb und hold (dieser Ausdruck stammt von ihm), für Polikarp hingegen - schrecklich: "Ich habe mit dir darüber voller Angst und Verwirrung gesprochen". Wunder und strenge Askese ohne Besinnung auf die Liebe sind furchterregend".